Eugenia Gortschakova
in NY 2006

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»frei wie ein blatt im wind«

E.G.: Was wolltest du sechs Wochen allein in New York? Bisher bist du nur mit deinen Ausstellungen gereist - immer schnell, nur für ein paar Tage um zu Hause wieder zu malen. Allein gehst du nie spazieren.

Ich: New York war ein Experiment, das ich unternommen hatte um aus dem Gefängnis der eigenen Innenwelt auszubrechen. Ich hoffte, dass diese Stadt mich von der Malerei wegbringen könnte - das habe ich gespürt, als ich vor wenigen Jahren schon einmal zwei Tage dort war. Nur zwischen Wolkenkratzer konnte ich draußen sein und ein Gefühl haben, an meinem Platz zu sein.

E.G.: Aber im Studio bist Du wieder allein.

Ich: Erst war mir nicht klar, weshalb Marikke mir einen Fax-Austausch vorgeschlagen hatte. Aus Manhattan zurück, habe ich den Sinn ihres Vorschlags erkannt: immer war ein Fax in der Maschine, das Antwort verlangte. Ich schrieb und war mir selber Kompagnon.

E.G.: Ist New York dein Ort geworden?

Ich: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Vor der Abreise hatte eine Bekannte gesagt: »Nur nicht New York im August - unmenschliche Hitze und alles ist geschlossen.« Ich habe verschämt gelächelt: »Schon passiert. Ich bin zur Hölle verurteilt.« Die andere verlor alles Interesse an mir Verliererin. Für mich war das Glas halb voll. Da war nur eine Wahl: New York im August oder keins. Die Hitze hat mir den Atem genommen, als ich das Atelier betrat. Dass ich von Brooklyn geschockt war, habe ich niemandem spüren lassen. Wo sind die Wolkenkratzer? Eine Szenerie wie in den Vorstädten von London oder Paris, ungemütlich, unordentlich. (Später habe ich in Fotos meiner jungen Kolleginnen in Point B das wahre Brooklyn sehen gelernt.) Dann schaute ich in die andere Richtung: dort war sie, die berühmte Skyline von Manhattan. Aber wie im Film. Ich wollte keine Distanz.

E.G.: Du hattest Hilfe - dein Projekt, dein Vergilius war der Briefwechsel zwischen
Karl Jaspers und Hannah Arendt. Um seinen Rhythmus zu zeigen, wolltest du New
York aus zwei Perspektiven filmen: Unbeachtetes und Typisches. Die Skyline hattest
du vor der Nase.

Ich: Die Idee war zu abstrakt. Mit dem Gedanken: scheitern ist auch ein Resultat – mindestens habe ich es versucht – kann man nicht sechs Wochen leben. Am nächsten Tag lese ich noch einmal in den Briefen. Doch in New York zu sein und im Studio zu sitzen, ist dumm. Obwohl – es gab mir ein besonderes Gefühl Riverside Drive nicht nur als Touristin zu besuchen, dennoch es hat noch einige Tage gedauert bis ich mein Konzept gefunden hatte – Reflektionen, Spiegelungen zu filmen, die die Vielschichtigkeit der Stadt zeigen und erlauben vor und hinter mir zu sehen. Dabei konnte ich Leute ohne zu fragen filmen – New York ist besonders streng damit. Ich brauchte 400 Episoden – unmöglich, jedes Mal zu fragen.

E.G.: Du wolltest auch Celebrities treffen? Wer sitzt in diesen Stretch-Limousinen?
Ich: Eine Galeristin hat mir vom Gratis-Theater mit Star-Besetzung im Central Park erzählt. In dieser Saison spiele Meryll Streep die Courage. Nur um die Tickets zu kriegen müsse man schon um 8 Uhr im Park sein. Ich hatte mich um eine Viertelstunde verspätet. Zu meiner Überraschung war keine Schlange vor der Kasse. Nur die Bänke waren besetzt. »Wer ist der letzte?« Einige lächelten
mitleidig und zeigten in Richtung Ausgang. Alle Wartenden waren ausgerüstet. So viele Klappstuhlmodelle hatte ich bisher nicht gesehen. Ich musste stehen. Dabei war angekündigt, dass man den Platz nicht verlassen kann und die Tickets erst um 13 Uhr ausgegeben werden. Der Mensch hinter mir mit einem Klappbett war ein ehemaliger Restaurant-Manager, der am Central- Park wohnt – die Gegend der Superreichen. Trotzdem hatte er sich eines Tages die Frage gestellt: »Wer wird sich später noch an mich erinnern? An meine Lehrer denke ich bis heute.« So gab er
seinen lukrativen Job auf, um in der Bronx einfacher Mathe-Lehrer zu werden. Nach fünf Stunden wusste ich viel über seinen Umgang mit Kindern. Gregg war meine Celebrity, nicht die Streep in einer langweiligen fünfstündigen Brecht-Aufführung, die mehr russische Kommissarin als Mutter war.

E.G.: Was war mit Louise Bourgeois? Ihr Salon kann doch nur für ausgewählte
Künstler offen sein.

Ich: Ich habe nicht gewagt, ihn zu suchen. Ihr Name fiel zufällig im Gespräch. Ich erfuhr, dass ihre Nummer im Telefonbuch steht und jeder dorthin gehen kann. Selbstverständlich war das nicht die Bourgeois vor zehn Jahren, als ich sie im Film gesehen hatte. Jetzt ist sie eine 96-jährige Dame. In der Anwesenheit von Louise Bourgeois diskutierten die Künstler anders. Das Interessanteste war unsere Nervosität und Reaktionen zu beobachten.

E.G.: Die Hannah Arendt-Leute sind doch auch Celebrities und sicher hatten sie für
dich keine Zeit.

Ich: Irrtum. Die Herausgeberin der Briefe und engste Freundin von Hannah Arendt, Lotte Köhler, hatte mich schon in Oldenburg angerufen. Das Treffen mit ihr hat mich erschüttert. Alles war einfach und echt. Ich habe mich im Hintergrund gehalten, um Hannah Arendt von der menschlichen Seite kennen zu lernen und über ihr Talent für Freundschaft zu erfahren. Beim Abschied sagte Lotte Köhler: »Ich habe gar nichts über Sie erfahren. Kommen Sie morgen wieder.« Am nächsten Tag hatte sie für mich ein Geschenk: »Ich weiß, was Sie brauchen.«, blätterte in einem Buch und las, was Hannah Arendt nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes geschrieben hatte: »Ohne Heinrich. Frei wie ein Blatt im Wind.« New York hat mich mit diesem Gefühl vertraut gemacht.

E.G.: Hast du ihren Assistenten Jerome Kohn getroffen?

Ich: Ich hatte ein 6-stündiges Gespräch mit dem passionierten Jerry. Bezüglich des Israel-Libanon-Krieges meinte er: »Als ob sie das vorhergesehen hätte, als sie schrieb, dass, falls Israel sich weiter militarisiert, wird keine Spur von der jüdischen Kultur in diesem Staat bleiben, er wird in einen rassistischen Staat transformiert.
«Menschen habe sie als absolut verschiedene Spezies betrachtet, bei denen das einzig Verbindende die Sprache sei. Bei dem Begriff »Action« in ihrer Philosophie gehe es nicht um Kunst, sondern um etwas, das die Welt verändern kann, um den Gang der Geschichte selbst. Die heutige Situation verlange ein kardinales Umdenken. Alles, was sich nicht zum Kommunizieren eignet, sei falsch, nur in »loving battle« könnten wir zusammen überleben. In seiner Begeisterung ist zu spüren, dass er im Dialog mit Hannah Arendt steht. Wie Elisabeth Young-Bruehl, die nach Arendts Tod von den Freunden gedrängt wurde, deren Erinnerungen aufzuschreiben. Nach 5 Jahren war die Biographie fertig und die Autorin wurde berühmt. Nicht verwunderlich, sie hatte bei Hannah Arendt zu schreiben - zu kommunizieren - gelernt. Zurück nach Hause gekommen, hatte ich lange Angst, dass NY ein geschlossenes Kapitel meines Lebens bleiben würde, ohne Folgen. Mir war, als hätte ich dort ein ganzes Leben mit Anfang, Mitte und Ende verbracht. Viele lieben New York, das nicht allen antworten muss. Dieser Dialog hat mir gezeigt, dass ich Verbindung zum Hannah Arendt-»Tribe« brauche – das kann für mich nur ein neues Projekt bedeuten. Vielleicht heißt es »Hannah Arendt – Künstlerin«?
»Danke – BBK!«