Silke Thoss in NY 2005

silke thoss NY

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Who cares about you?

Heute ist mein dritter Tag hier in New York City und ich habe beschlossen nach Coney Island zu fahren. Es sind ungefähr 35 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass es einer Waschküche ähnelt. Auf dem Weg vom Atelier zur U-Bahn gehe ich an jungen, hübschen, durchtrainierten Menschen vorbei, die so aussehen, als seien sie gerade aus den Fernseher des MTV-Programms geklettert. Die Hitze lässt mir eine Schweißperle über den Rücken laufen und ich kaufe eine Flasche Wasser in dem Laden an der Ecke. Der Verkäufer fragt mich, wie es mir heute geht. Die Flasche kostet nur einen Dollar, aber trotzdem wünscht er mir viel Spaß damit und einen großartigen Tag. Das ist das Tolle an den Amerikanern, denke ich mir, immer freundlich und nett, das macht das Leben einfach.

Endlich sitze ich in der eiskalten Subway, die mich ans Meer im Süden von Brooklyn fährt. Der Zug ist voll mit bunten Gesichtern aus aller Welt, ich würde sie am liebsten nach ihrer Geschichte fragen, aber dann doch lieber nicht. Ein Vater brüllt ständig »Shut up« zu seinen kleinen Kindern, ich weiß nicht wie oft schon, seine Frau macht ihm Vorhaltungen und sagt, er sei ein verdammter Motherfucker, der seine Mutter für einen Dollar verkauft. Die Kinder quaken herum und so geht es, bis endlich das Wonder Wheel und die alte klapperige Holzachterbahn des ältesten Amüsierparks von Amerika durch das Fenster zu sehen sind.

Ich steige aus, bin ganz aufgeregt, als ich die überdimensionalen dicken Hot Dogs von Nathans Würstchenbude entdecke. Hier bin ich richtig, das ist das, was ich sehen will! Überall sind Buden, mit bemalten Schildern, Wimpeln, Fahnen. Ich stehe vor dem Coney Island Museum, es hat geschlossen. Nebenan sieht es nach einer Galerie aus, es gibt eine Installation aus Werbeschildern, also gehe ich hinein. Ein Typ kommt mir entgegen und ruft »Piggly Wiggly« – ich bin verunsichert, aber dann fällt mir ein, dass er das Schweinchen auf meiner Schirmmütze meint. Ich denke mir, der kennt sich aus, schließlich ist die Graphik auf meiner Mütze von einer kleinen Supermarktkette in Louisiana.
»Wo bin ich hier«, frage ich, und er erklärt mir, dass dies eine Schilderwerkstatt sei. Wir kommen ins Gespräch, reden über die gute Old School Schildermalerei. Ich erfahre von der Künstlergruppe "Dreamland Artist Club", die gerade auf Coney Island diverse Buden mit neuen Schildern bestückt hat. Ich gebe ihm meinen frisch gedruckten Katalog, er kennt viele Musiker, die ich gemalt habe, und so kommen wir auf Musik, Louisiana und Fats Domino.

Ich erzähle ihm, dass mein Vermieter, dem das Atelierhaus, in dem ich mein BBK-Stipendium genieße, einem Texaner gehört – und er stolzer Besitzer von Fats Domino’s rotem 66er Cadillac sei. Ich freu mir einen Arsch ab, dass ich hier in der Fremde mitreden kann. Wir verabschieden uns und ich überlege, wie viele »Oh Wow’s« diese Unterhaltung wohl hatte.

Gleich um die Ecke gibt es eine Freak Show, von der ich schon gehört hatte. Nun schaue ich mir die großformatigen gemalten Poster an, die an der Fassade hängen und die Show anpreisen. Ich zücke die Kamera, als etwas mich am Arm packt, ein männliches voll tätowiertes Prachtexemplar in kurzer Hose. »No Photos!«. »Oh I’m sorry«, sage ich, und kaufe mir artig ein Ticket für die Show, die bereits angefangen hat: Ein dürres Mädchen aus Puerto Rico schluckt gerade ein paar Schwerter, sie ist so dünn, daß sie sich wohl ihren Magen schon durchlöchert hat. Der Tätowierte ist jetzt auch auf der Bühne und schreit herum, sucht jemanden aus dem Publikum, der auf die Bühne kommt. Schnell gehe ich in Deckung, ich will da nicht rauf. Was ist, wenn mein Englisch versagt und ich die Anweisungen nicht befolgen kann?! Glück gehabt, seine Wahl trifft ein kleines Mädchen, die sich auf einen elektrischen Stuhl setzen soll. Es hat aber Angst und nun muss die Mutter dran glauben. Die Akteure der Show erinnern mich an die Hippies der Wagenburgen in Deutschland, ich suche vergebens Vorhänge und Bühnenbilder in dem Raum und denke an Silky’s Big Shit Show im Güterbahnhof vor zwei Jahren. Nach einer halben Stunde bemerke ich, dass diese Show eine Endlosschleife zu sein scheint, die puerto ricanische Schwertschluckerin ist schon wieder da.

Ich mache mich auf den Weg und ziehe weiter an Buden vorbei, die Straße hoch, zur Strandpromenade. Es gibt einen weiten Strand mit halbnackten Menschen in allen Körpergrößen. Hier kann man es aushalten, das Meer, eine Brise, Fressbuden und jede Menge alte handgemalte Hot Dogs, Muscheln und undefinierbar Essbares. Ich kaufe mir ein paar Shrimps, die im alten Fett zubereitet sind, dazu eine Diet Coke und beobachte die Leute. Es wird immer voller, die Leute hier sehen nicht so aus wie bei MTV, ich kaufe mir ein Budweiser Bier aus der Dose und rauche ein paar Zigaretten. Ein junger Mann läuft mit einem großen Schild vorbei, auf dem steht »Erzähl mir Deine lustigste New Yorker Geschichte«. Leider weiß ich keine.

Es wird spät, ich habe genug gesehen und fotografiert und mache mich auf zur Subway. Wo ist eigentlich mein U-Bahn-Plan? Egal, ich finde schon zurück, denke ich, aber dann bin ich zu weit gefahren, also steige ich aus, irgendwo ein und es ist wieder der falsche Zug. Ich checke das System hier einfach nicht und laufe –zig Mal die Treppen im Bahnschacht hoch und runter. Die Hitze ist brüllend, ich komme mir vor wie auf einem Laufband in einer Sauna und so vergehen einige Stunden. Laut Stadtplan kann es nach Hause nicht mehr weit sein, ich beschließe auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen. Es dämmert schon, die Gegend sieht nicht gut aus, es gibt Gruppen von jungen starken Männern mit Hunden. Ich muss so tun als wüsste ich den Weg, ich denke an meine tolle Kamera und das Geld in der Tasche, und beschließe besser ein Taxi zu nehmen!

Da kommt auch schon eins, ich hüpfe schnell hinein und sage dem Fahrer die Adresse. Statt Gas zu geben fragt er mich, in welche Richtung er fahren muss. Woher soll ich das wissen, hier ist die Karte, ich kann nicht mehr. Er sagt mir, dass er nicht gut sehen kann, na toll! Er fährt los und es gibt beinahe einen Unfall mit einem anderen Taxi, es wird gehupt wie verrückt, die beiden Fahrer brüllen sich an, der andere steigt aus und schreit in spanischem Akzent: »Who cares about you!« Mein Fahrer fährt los, fragt mich nochmals, wie er fahren muss, ich sag ihm ein paar Straßennamen in meiner Gegend, aber er scheint selber nicht zu wissen, wo er ist. Ich bin müde und verzweifelt, er merkt es schon und sagt, ich soll ganz ruhig bleiben, er fährt mich schon nach Hause. Auf dem Weg erkenne ich eine Straße wieder, nun weiß ich, wo wir sind, und ich sag ihm, er soll an dem Geschäft, in dem ich heute Mittag das Wasser gekauft habe, anhalten. Der Fahrpreis ist zu hoch, wir sind nicht weit gefahren, aber ich gebe ihm die Dollars, weil ich raus will.

Endlich bin ich wieder in meiner Gegend, hier sind sie wieder, die Schönen, Durchtrainierten. Vor einer Bar steht ein Schild »Jever Bier«. Ich gehe hinein, setze mich an die Bar, ein netter MTV-Typ fragt mich, wie es mir heute geht, ich sage: »Großartig, ein Jever bitte!«