Claudia Christoffel
in Riga 2009

silke thoss NY

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Riga Stipendium 2009

Wer Möwen sehen will, geht zum Zentralmarkt. Früher stiegen dort Zeppeline auf. Da standen die Hangars noch im deutschen Wainoden. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel es an Lettland. Der Luftschiffhafen wurde zerlegt und in Riga als grösste und modernste Markthalle Europas 1930 in der Moskauer Vorstadt eröffnet. Heute bekommt man dort, neben dem was man auf den Märkten dieser Welt nun mal kaufen kann, Plastiktüten für 50 Cent das Stück. Meist gibt es die Auswahl zwischen Chanel, Boss und Moschino. Das Geschäft läuft gut. Die Tüten trifft man immer wieder. Auch ich habe die gesamte Kollektion.

Draussen hinter der letzten Verkaufsbude sind die Mülltonnen des Zentralmarktes. Dort schaut eine Frau in pinkfarbener Skijacke und Moschinotüte auffällig unauffällig nach links und rechts. Dann beginnt die Durchsuchung. "Ja, Riga ist teuer. Nur wer Kuchen mag, kann hier gut leben.", sagt Frank. Er ist Webdesigner, hat seine Firma in Deutschland, arbeitet und lebt aber überwiegend in Lettland. "Nicht wegen des Kuchens, sondern aus Liebe." In diesem Moment bekommt das Pink schwarze Flecken. Aber es hat sich nicht gelohnt. Sie muss weitersuchen. Zuvor wirft sie den vermeintlichen Schatz zu den Katzen. Sofort stürzen die Möwen vom Dach herab und fliegen mit dem Brot nach Helsinki. Die Wege trennen sich. Ich beginne zu frieren. Genau genommen friere ich, seit das Flugzeug in Riga gelandet ist mit minimalen Unterbrechungen.

Der erste Schnee beginnt zu fallen. Im Kino Riga werden ausgewählte Filme der Berlinale auf deutsch mit englischer Untertitelung und lettischer Simultanübersetzung gezeigt. Während der Vorführung sitze ich unter Kronleuchtern auf rotem Samt und behalte den Mantel an – so wie die Russinnen eine Reihe hinter mir. Manche setzen auch ihre Mützen nicht ab. Trotz der Kälte ist es voll. Im Foyer mache ich es wie die Anderen. Ich kippe Schwarzer Balsam-Cola hinunter. Mit dieser Tarnung lerne ich Augusts kennen. "Möchtest Du ein Stück Schokolade?" ist das erste, was er zu mir sagt. Bald weiss ich mehr: Er ist in seiner Familie in dritter Generation Künstler. In Lettland ist man stolz, Künstler zu sein. Seinen Lebensunterhalt verdient er als DJ und will gerne nach Berlin. Er ist es auch, der mir erklärt, dass man in Lettland nicht mit den Nachbarn spricht. "Schon gar nicht grüsst man auf dem Hausflur. Das ist ein Erbe des Kommunismus." Was ich für eine künstlerische Arbeit in seiner Heimat mache, will er wissen.

"Bis heute habe ich drei Menschen verfolgt, 55 Fotografien gemacht und mehrere Plastiktüten mit heisser Luft befüllt. Morgen stehe ich auf der Brücke über der Daugava und werfe eine Bernsteinkette nach Jurmala. Sonst bleibt nichts zu tun." Dafür gibt es mehr Schokolade. Nach 28 Tagen friere ich nicht mehr. Im Treppenhaus grüsse ich immer noch.

Claudia Christoffel, Riga / Lettland, November 2009

Highlights des Riga Stipendiums:

1. Die hervorragende Künstlerbetreuung durch Martins Heimrats, Leiter des lettischen Künstlerverbandes.

2. Balta Pirts, ein Banja – mit Filzhut bei 80 Grad entspannen.

3. Zeitgenössische Galerien: Riga Art Space, Galerija Alma, KIM, Supernova.

4. Das Studija Magazine, eine Fachzeitschrift in der Kunsthistoriker scharfe Kritik üben.

5. Die Arbeiten der Künstler Miks Mitrevics, Evelina Deicmane, Krišs Salmanis, Vilnis Vitolinš, Arturs Berzinš.

6. Bestes Fast Food: Pelmeni XL – russische Nudeln, beste Restaurants: Kids, Lido.

7. Leckeres aus dem Supermarkt: Dill Chips, Speckkuchen und Schwarzer Balsam.

8. In Riga gibt es jeden Abend Ausstellungseröffnungen – so macht man sich weniger Konkurrenz. Als Stipendiat lernt man so die Szene schneller kennen.

9. Die neue Buchhandlung im Künstlerhaus Riga www.lukabuka.lv

 

Rätsel
Welcher Künstler ist das?
Lettisch: Laiems Giliks, Endijs Vorhols, Lorenss
Veiners, Stivs Makvins.

Auflösung: Liam Gillick, Andy Warhol, Laurence
Weiner, Steve Mc Queen.